Es ist unfaßbar: Neun Todesfälle in sieben Jahren, darunter drei Kleinkinder, die bereits lachen, sprechen und laufen konnten.

Um 1729/30 hat es in Bachs Leben anscheinend eine Krise gegeben. So stellt Robert L. Marshall fest: "1728 ließ seine kompositorische Aktivität abrupt nach, was ebenso erstaunt wie die Produktivität in den vorangegangenen Jahren", und in einer Fußnote fügt er hinzu: "Mehrere unterschiedliche Erklärungen sind für Bachs Schaffenskrise nach der Vollendung der Kantatenzyklen in der Mitte der 1720er Jahre angeführt worden." Die Periode "seines riesigen Arbeitspensums" (von Dadelsen) war vorbei. Die große Zeit der Kirchenkantaten und Passionen lag hinter ihm. Friedrich Blume spricht, bezogen auf jenes "riesige Arbeitspensum", von einem "schier unbegreiflichen raptus". Bach hat in jenen Jahren etwa fünf Jahrgänge Kantaten plus die Johannes- und Matthäus-Passion plus das Magnificat plus die Motetten komponiert. Warum hörte er auf? Blume schreibt: "Bitter drückte ihn die Enge der musikalischen Verhältnisse in Leipzig, der unaufhörliche Streit mit den Behörden, mit den Schülern; jahrelang nimmt ihn der Kampf um die persönliche Geltung in Anspruch." 1730 schreibt Bach den berühmten Brief an Georg Erdmann, in dem er zu erkennen gibt, daß er Leipzig verlassen möchte.

Ich glaube, daß wir die Ursache für die mutmaßliche Krise in Bachs Leben ("Die drohende Krise - wohl die schmerzvollste in Bachs Leben - hatte bis zum Sommer 1730 noch nicht ihren Höhepunkt erreicht." Robert L. Marshall) in seiner näheren Umgebung suchen müssen. Nach der Geburt eines geistig zurückgebliebenen Sohnes starben in der Familie Bach - wie oben dargestellt - nacheinander sieben Kinder. So viele Todesfälle in so kurzer Zeit, und zwar Todesfälle hauptsächlich von kleinen Kindern, müssen ihm und seiner Frau Anna Magdalena schmerzlich zugesetzt haben. Es gibt nichts, was Eltern heftiger erschüttert als der Tod eines Kindes. (...)

Ich denke, daß diese Ereignisse Bachs schöpferische Kraft zerrüttet haben - mehr alles andere. Oder wenn nicht zerrüttet, so doch gelähmt. Ich bin überzeugt, daß er genauso intensiv hätte weiterkomponieren können, wenn der ständige Kummer ihn nicht gebrochen hätte. 1729 übernahm er das Amt des Direktors beim Collegium musicum. Er wollte zwar weiterhin musizieren, aber nicht mehr ununterbrochen komponieren. Vielleicht eine Art "Quasi-Ruhestand", wie es Christoph Wolff nennt. In allen Biographien werden die Konflikte mit der Obrigkeit lang und breit erwähnt, doch über das erschütternde Kindersterben liest man kein Wort. Im Leben keines anderen Komponisten haben sich so tiefgreifende Ereignisse zugetragen, obwohl auch Antonin Dvorák in dieser Hinsicht heimgesucht wurde und daran schwer zu tragen hatte. In seinem Fall stimmen die Biographen überein, daß zuerst der Tod einer zwei Tage alten Tochter, danach der Tod einer Tochter von elf Monaten, die im August 1877 in einem unbewachten Augenblick aus einer Flasche mit Phosphorlösung trank, und kurz darauf der Tod des dreieinhalbjährigen Otakars, der am 8. September an Windpocken starb, den Komponisten schwer getroffen haben. Warum sollte das bei Bach anders gewesen sein? Wieso nehmen wir ohne weiteres an, daß im 17. und 18. Jahrhundert die Eltern durch den Tod ihrer Kinder weniger hart getroffen wurden als im 19. oder 20. Jahrhundert?

aus:
Maarten 't Hart - "Bach und ich" (2000)
S. 41-48