Dass eine Bibliothek ein Ort der Konzentration und der Stille ist, und dass dort in der Hauptsache gelesen wird, das ist zwar sicher jedermann verständlich, aber gleichzeitig in der Realität wohl ein aussterbendes Konzept...

Wie ich nun in einer solchen Bibliothek sitze, passiert es, dass ein Vortrag für Kinder beginnt, bei dem eine Frau über Mikrofon von spannenden Büchern erzählt, deren Gütezeichen fast immer der scheinbar unschlagbare "Spaß" ist. Gut verständlich durchs ganze Hause.

Während sie nun ihre "Ähs" und "Mens" ins Mikrofon haucht ("Men" ist schwedisch, bedeutet übersetzt "aber", und wird mit Vorliebe als langgedehntes Füllwort nach halb angefangenen Sätzen benutzt), klingelt es bei einem Mann links von mir, und sein Kumpel versucht, sich mit ihm darüber einig zu werden, was sie essen werden, wenn sie sich dann treffen, ob nun Pizza oder Kebab, und wer das mitbringen soll, und wann man sich überhaupt treffen wird, wie vorgesehen oder doch später, oder ob man lieber gemeinsam in ein rot-gelbes Pappkarton-Restaurant gehen soll, obwohl man ja auch Pizza oder Kebab bestellen könne, aber dann wäre da die Frage, wer das holt, deshalb könne man ja gleich zu McDonald, aber eigentlich ginge es auch mit Pizza oder Kebab... und als sie sich fast einig sind, geht alles noch mal von vorne los.

Da plötzlich beginnt ein junges Mädchen am rechten Nebentisch damit, ihrer Freundin übers Mobiltelefon davon zu erzählen, wie laut und stressig es hier zugehe, und dass sie eigentlich ihre Hausaufgaben machen wollte, aber das beständige Gequatsche rechts und links sei enorm störend, ginge ihr mächtig auf die Nerven, und also höre sie jetzt damit auf. Ob sie sich treffen könnten (um irgendwo irgendwie irgendetwas zu essen, Pizza oder Kebab oder gleich zu McDonald, vermute ich mal), und wo die andere jetzt sei, und ob sie zu ihr kommen solle, oder ob die andere nicht lieber zu ihr in die Bibliothek käme, die sie aber jetzt verließe, und man sich deshalb vielleicht besser auf halber Strecke treffen könne, entweder dort oder dort oder doch lieber dort. Na ja, sie gehe schon mal los, man könne sich ja noch mal per Telefon verständigen.

Übrigens ist das Wort "irgendwie" (im schwedischen "liksom", was eigentlich aber nur "wie" heißt), das beliebteste Füll- und Anhängewort im Alltag der Schweden. Sollte es nicht (liksom) nach jedem dritten (liksom) Satz zu hören sein, (liksom), muss es sich um (liksom) Ausländer handeln.

Der einzige, der es nun schließlich wagt, sich lautstark gegen dieses endlose laute Gerede aufzuregen, ist ein Rentner, der sich am Computer von einer Angestellten des Hauses die Suchfunktion im Katalog erklären lassen will, aber überhaupt gar nichts versteht, obwohl die Bibliothekarin extra laut redet, weil der gute Mann hörgeschädigt ist. Woraufhin sich eine Frau schlechten Gewissens, und deshalb mit einer Hand vor dem Mund, zu entschuldigen versucht. Eine Frau, sicher schon 80 Jahre alt, die ihren Mann am Computer nebenan etwas zuflüsterte, vielleicht, dass es so laut hier sei, oder vielleicht auch fragend, ob er jetzt fertig wäre, sie wolle nach Hause gehen, ihre Ruhe haben...