In den USA herrscht die Meinung vor, der beste Schutz ist eine Waffe, in den meisten Fällen eine Schusswaffe. Aber ich glaube nicht daran. Denn wenn ich mich mit einer Schusswaffe verteidigen will, die Notwendigkeit dieser Verteidigung aber nur vielleicht einmal im Jahr für einen Moment entsteht, dann bin ich dennoch gezwungen, mich wochenlang, wenn nicht täglich, auf diesen Moment vorzubereiten. Ich muss meine Waffe beherrschen, ich muss den Ernstfall studieren, ich brauche regelmäßiges Training. ich muss die Waffe zu meinem Freund machen, das bedeutet letztendlich, ich muss meine Waffe lieben. Wenn ich soweit bin, dass ich also jede Gefahrensituation mit Hilfe meiner Waffe meistere, dann bin ich so weit in die Welt der Gefahr eingewachsen, dass es oft nur eines kleinen Schrittes benötigt, dass ich selbst zum Täter werde, vor dem sich wieder andere in Schutz nehmen müssen. Eine Kettenreaktion, die niemals zu weniger Gewalt führt, im Gegenteil.
Meine Wahl damals und heute besteht darin, in den anderen Menschen immer den einfachen Menschen zu sehen, ihn nicht unbedingt und ganz naiv zu lieben, aber zumindest in ihm nichts anderes zu sehen als ein Spiegelbild meines Selbst, und ihn lediglich an seinem Handeln zu messen. Nicht ob er meinem Schönheitsideal entspricht ist ausschlaggebend, sondern wie er sich mir gegenüber verhält. Ist er erfüllt von Hass? Zeigt er Anzeichen von Gemeinheit? Ist er falsch in seinem Benehmen? Bedroht er mich? Oder ist er einfach nur unsicher oder ängstlich und geht das vielleicht ganz schnell über in ein erleichtertes Lächeln, sobald ich ihm das Gleiche entgegenbringe?
Selbst erlebt habe ich das auf meiner ersten Reise nach Italien. Ich war erschöpft von den ständigen Streitereien mit meiner Frau, die Kinder bemerkten den Zwist zwischen den Eltern, ich hatte meine Arbeit verloren, weil die Firma pleite gegangen war, und saß nur herum und war zu nichts zu gebrauchen. Dann ging auch noch meine Frau mit einem Vater eines der Kindergartenkinder fremd, und ich war am Ende. Also raffte ich mich auf, es war Mai, packte meinen Rucksack, nahm Schlafsack und etwas wärmere Bekleidung mit, und stellte mich unweit meines Zuhause an die Straße und hob den Daumen. Richtung Süden. Sonst hatte ich nichts im Kopf, nur weg.
Für die ersten paar hundert Kilometer brauchte ich einen halben Tag, aber dennoch war ich am Abend in München. Dort verbrachte ich die Nacht ich weiß nicht wo, aber am nächsten Tag saß ich dann in der Schalterhalle einer Bank und überlegte für zwei Stunden, ob ich talienische Lire eintauschen sollte, also mit anderen Worten, ob ich wirklich mein gewohntes Zuhause verlassen sollte. Dann machte ich das und am Abend dieses zweiten Tages war ich in Italien, es war nicht zu glauben. Nur mit drei Autos, aber was für Begegnungen!
Darüber könnte man auch viel berichten. aber es geht ja um die Angst gegenüber anderen Menschen, und da komme ich jetzt hin. Es war Abend, ca. eine Stunde vor Mitternacht, und das junge Paar, mit denen ich schon zwei Stunden unterwegs war, ließ mich vor der Stadt Verona raus. Ich fragte noch, ob ich bei ihnen übernachten könne, es war schließlich meine erste Nacht in Italien überhaupt, aber sie meinten, das ginge auf keinen Fall, sie wohnten mit den Eltern und Großeltern zusammen, und die würden das nicht verstehen, na ja, war vielleicht eine Ausrede, oder eben typisch Italien.
Ich stieg aus, die Nacht war mild, fast schon Sommer, und ich ging in die Richtung, die man mir als den Weg zum Marktplatz der Stadt gewiesen hatte. Dieser Weg zog sich aber ziemlich hin und er führte an schmutzigen alten Fabrikgebäuden entlang und ich sah nichts vom schönen Verona auf mich zukommen. Im Gegenteil, jetzt führte die Straße plötzlich nach oben, die war aber nur für Autos, der schmale Fußweg ging weiter zu ebener Erde. Stille. Zu meiner Rechten eine Fabriksruine, zu meiner Linken die Öde eines Gebietes, wie es überall in der Welt unter Brücken ist. Geschrottete Autos, Staub, Dreck, weggeworfener Müll, und nun zur Nacht alles dunkel, dass man annehmen musste, jeden Moment stürze man über etwas Unbekanntes, vielleicht einen schlafenden Obdachlosen.
Aber halt, so ein schlafender Penner wollte ich doch selbst werden, jetzt gleich... Ich wollte mir doch auch so ein stilles Plätzchen suchen, um meinen wohlverdienten Schlaf zu finden. Was wäre, wenn ich Derjenige wäre, der da vor mir liegt? Würde ich vor mir selbst erschrecken? Blöde Frage, ich bin doch nicht gefährlich! Nein, und deshalb gilt das auch für den Fremden! Erst mal. Dann sieht man weiter. Also wäre es doch am besten, ab jetzt, denn ich wollte ja für ein paar Wochen hier in Italien bleiben, ich werde mich so gegen andere Menschen verhalten, als wäre ich selbst so ein Anderer, mal sehen, wie weit ich damit komme.
