Lieber Andrej,
nun bist Du schon volle 25 Jahre lang tot, ein Vierteljahrhundert, und lebst immer noch - in mir zumindest. Vielleicht wird dazu etwas geschrieben in den Medien, aber diese Zeilen hier sind meine ganz persönlichen Erinnerungen an Dich und Deine Filme.

Lieber Andrej,
als Du starbst, warst du erst 54 Jahre und ein paar Monate alt. Das ist, der Zufall will es, genau so alt wie ich es jetzt bin, und das bringt mich Dir noch ein weiteres Stück näher als Du es mir schon immer warst.

Tarkovskij mit Kamera

Lieber Andrej,
ich mochte Deine Filme von der ersten Minute an, deine Art, Gedanken in Filmbildern auszudrücken, die Zeit filmisch darzustellen, die Ernsthaftigkeit des Lebens im Film zu thematisieren, den Film als Kunst zu behandeln.

Lieber Andrej,
alles, was in deutschen Zeitschriften, und auch in einigen sowjetischen, erschien, sammelte ich in einer Mappe. Ich wollte sie mir eines Tages von dir signieren lassen. Aber ich traf Dich nie. Eines Tages bekam ich von einem befreundeten Filmemacher aus Berlin einen Brief, da war ein klitzekleiner Schwarz-Weiß-Abzug eines Negativs drin, und auf dem Bild sah man Dich, wohl auf einer Pressekonferenz oder bei einem Vortrag. Danke, Peter!

Lieber Andrej,
Du wolltest Dostojewskis "Idiot" verfilmen. Das erfuhr ich erst viel später, nicht schon 1980, als ich das Buch las, und davon natürlich begeistert war. Und sicher hättest du wieder Anatoli Solonizyn in der Titelrolle eingesetzt, wie Du ihn den Andrej Rubljow spielen ließest, aber aus Deinem Projekt wurde nichts. Es wäre ein großes Filmwerk geworden. Ganz sicher. Immerhin konnte Solonizyn den Dichter im Film "26 Tage aus dem Leben Dostojewskis" spielen, eine grandiose Verkörperung!

Lieber Andrej,
Du konntest nur 7 Filmideen, in Worten: sieben(!), verwirklichen, und eigenartigerweise hat Dir das schon frühzeitig Boris Pasternak propheziehen, aber für immer und ewig wird Dein Film über Andrej Rubljow zu den herausragendsten Filmen gehören, die je geschaffen wurden. Für mich das größte Filmwerk aller Zeiten, weil es in wunderbarer Weise Kunst, Demut, Barbarei und Menschsein zusammenbringt.

Lieber Andrej,
als ich mit meiner Frau ein Wochenende lang Paris erleben durfte, zu Ostern 1991, da fiel es mir ein, dass Du ja dort beigesetzt wurdest, fern Deiner Heimat, und ich wollte unbedingt dein Grab besuchen. Aber so leicht war das gar nicht. Wir stellten fest, dass Deine sterblichen Überreste nicht innerhalb der Stadt, wie man annehmen könnte, sondern weit außerhalb bestattet wurden. Auf einem Friedhof, von dem wir weder wussten, wo er genau liegt noch wie er heißt. Und um das herauszufinden, ohne Computer oder Internet, geschweige Google oder GPS, ging ich in meiner Verzweiflung in das große Kulturhaus da im Centrum der Stadt, dem Centre Pompidou, und suchte in der Bibliothek unter Film nach Büchern über Dich. Vielleicht gab es ja irgendwo einen Hinweis. Es dauerte ewig und wir konnten beide nicht französisch sprechen (verstehen schon, aber das auch nur akustisch), jede Auskunft verflog im Unbekannten. Aber endlich, in einem der Bücher, las ich es: der Friedhof der russischen Exilanten! In Sainte-Geneviève-des-Bois. Wo sollte das sein? Was? Eine halbe Stunde mit dem Zug fahren? Na, gut, wir taten es. Als wir schließlich ankamen in diesem Ort, wo der Friedhof liegt, und mit uns lediglich eine einzige weitere Person ausstieg, die uns die ungefähre Richtung anzeigte und wir noch einmal eine Weile unterwegs waren und endlich ankamen, da war es schon Abend und fast dunkel. Der Friedhof war verschlossen, hatte nur bis acht auf...

Tarkovskijs Grab

Lieber Andrej,
auf meiner ersten Reise nach Italien, das war 1993, ich war per Anhalter und mit Rucksack unterwegs und schlief jede Nacht draußen, da fiel mir wieder plötzlich etwas ein, das mit einem Deiner Filme zu tun hatte. Du hast ja auch in Italien gedreht. Nun stand ich auf italienischem Boden und wollte nichts sehnlicher, als in die Toskana, nach Bagno Vignoni, zu pilgern. Na ja, was heißt pilgern, ein Auto brachte mich hin. Und nach vielen Kurven und nachdem die Straße immer enger wurde, und der Fahrer sich sicher immer mehr wunderte, was dieser Deutsche dort will, sagte man mir plötzlich: Da sind wir, hier ist dein Wunschziel. Und ich war ganz von Sinnen. Da sah ich die Therme, durch deren leeres Bassin der Held von "Nostalghia" am Schluss des Films geht, mit einer Kerze in der Hand, jetzt angefüllt mit Wasser. Und ich blieb da zwei volle Tage, lief ein bisschen hin und her und schrieb sonst die ganze Zeit in mein Tagebuch. Etwas peinlich war es zwischendurch, als ich in das Hotel ging, das gleich neben der Therme, dem Hauptplatz des kleinen Ortes, liegt und ein Zimmer sehen wollte. Sie dachten natürlich, ich wolle da wohnen, man verstand mich aber nicht, als ich dauernd von Tarkovskijs Film sprach, aber nach einer Weile zeigte mir ein Stubenmädchen das scheinbar für mich vorgesehene Zimmer. Ein völlig normales, also genauso völlig fantasielos eingerichtetes und noch dazu winziges Hotelzimmer. Ich traute meinen Augen nicht. No, no, grazie! Meine Enttäuschung war so groß wie es die gleichzeitige Erkenntnis, dass ja das Hotelzimmer im Film nicht notwendigerweise auch am selben Ort sein muss. Ich Esel, ich.

Bagno Vignoni

Und dann wollte ich nach San Gimignano, zur Klosterruine San Galgano, die man am Schluss des Filmes sieht. Ein älterer, sehr netter Herr auf seinem Wege von Mailand kommend fuhr mich extra, einen Umweg machend, dort hin. Als wir ankamen, die Reste des Klosters stehen völlig allein auf weiter Flur, sagte der Mann: Schau Dir in Ruhe alles an, ich warte solange hier auf Dich. Aber nein, erwiderte ich, fahren Sie nur weiter, ich brauche viel Zeit dazu. Und vielleicht bleibe ich gleich bis morgen. Ha, er lachte laut auf, Du kannst doch hier nicht übernachten! Bist Du nicht bei Sinnen? Warum nicht? Ich verstand nicht. Das ist doch gerade das Beste, wenn ich eine Nacht in der Klosterruine schlafe, zusammen mit dem restlichen Geiste Tarkovskijs! Na ja, geh mal, ich warte hier... Und so war es denn auch, ich gab nach, denn wer weiß, ob ich am nächsten Tag von diesem einsamen Ort wieder weggekommen wäre. Aber bereuen tu ich es natürlich bis heute. Etwas verrücktes passierte noch, als ich in innerhalb der Gemäuer ein paar Fotos machte. Auf einem der Bilder ist ein Schäferhund zu sehen, genau wie im Film.

San Galgano

Und dann in Rom, die Reiterstatue Mark Aurels gesucht, auf dem sich Erland Josephson in seiner Verrücktheit verbrennt, nachdem er seine flammende Rede über den drohenden Untergang der Menschheit gehalten hat, sollte sie nicht in der Lage sein umzukehren auf ihrem verkehrten Weg, und sie nicht gefunden, die Reiterstatue meine ich, denn man hatte sie vom offenen Platz weg in das Museum daneben versetzt. Aber das Ergreifendste fand ich in einem kleinen Ort nahe Arrezzo, der Monterchi heißt, und wo Piero della Francescas Meisterwerk, die "Madonna del Parto" zu sehen sein sollte. Aber die Kapelle, als ich dann dort ankam, war winzig klein, und außerdem verschlossen, und erst nach langem Umherirren fand ich heraus, dass man das Fresko, genau wie die Reiterstatue in Rom, versetzt hatte, und es nun in einem eigens für das Bild errichteten Gebäude zu sehen ist. Lichtgeschützt und raumtemperiert. Da saß ich dann zwei Stunden und hielt einen stillen Dialog mit dem Bild.

Madonna del Parto (mit Engel)

Lieber Andrej,
im Sommer 1998 war ich das erste Mal auf der schwedischen Insel Gotland. Und wieder hatte ich das Verlangen, Dir nahe zu sein. Oder eben deinem Geiste. Oder, wenn alles nichts hilft, den Resten von irgendwas, das daran erinnert, dass Du größtenteils hier Deinen letzten Film eingespielt hast, auch wenn das schon wieder fast 13 Jahre her war. Und ganz leise hoffte ich, etwas zu finden, was liegengeblieben war, denn ich hatte irgendwo gelesen, dass man noch Jahre nach Deinem Dreh zum "Stalker" in Tallin, im heutigen Estland, Hinterlassenschaften gefunden habe. Aber ich musste erkennen, dass so etwas unmöglich ist in Schweden. Da wird alles so verlassen, wie es vorgefunden wird. Akribisch gereinigt. Noch dazu, das verstand ich, als ich den Leuchtturm des winzigen Fleckchens Näs erreichte, der in einem Vogelschutzgebiet liegt, das eingezäunt ist, wobei es aber erlaubt war, die Absperrung zu öffnen, und mit dem Auto durchzufahren. Das tat ich auch und nun machte ich, was ich in Italien nicht tat, ich blieb dort über Nacht, an jener Stelle, wo der Film "Opfer", was meiner Meinung nach eher "Opferung" heißen sollte, beginnt, dort, wo der Vater dem Sohn zeigt, dass es möglich sein muss, allein durch die Kraft des Glaubens, einen abgestorbenen Baum zum Blühen zu bringen, während diese wundervolle Arie aus Bachs Matthäus-Passion dazu ertönt, die Gott um Vergebung bittet. Genau dort sammelte ich ein Paar Kiesel, die ich als Andenken mit nach Hause nahm. Aber die Stelle, wo Erland Josephson am Ende das Haus abbrennt und man den Verrückten einzufangen versucht und ihn schließlich mit einem klapprigen Sankra in die Klapsmühle bringt, die kann man nur noch erahnen.

opfer szene baum

Lieber Andrej,
ich habe viele der Bücher in meinem Besitz, die entweder von Dir selbst geschrieben sind oder von Dir und Deinen Filmen handeln, aber nur einige davon wirklich von Anfang bis Ende gelesen, so wie "Die versiegelte Zeit" natürlich, Dein Bekenntnis und Vermächntnis, das jeder gelesen haben sollte, der sich ernsthaft für Film als eine Form von Kunst interessiert. Aber wenn ich in Deine Tagebücher schaue, in Dein "Martyrolog", wie du es nanntest, dann bin ich immer nur imstande, ein paar wenige Zeilen oder vielleicht mal eine Seite zu lesen, denn Deine Eintragungen darin sind so intensiv, dass ich oft aufstöhne, und das Buch wieder weglege. Das muss niemand sonst verstehen, ich sag einfach nur wie es ist.

Lieber Andrej,
der georgische Regisseur Otar Iosseliani sagte einmal, dass man die meisten Hollywoodfilme genauso gut als Hörspiel verstehen könne, man würde nichts verpassen von der Handlung, denn die Bildersprache ist nur immer auf die Handlung abgestimmt. Das Gegenteil von dieser Behauptung trifft auf keine Filme so sehr zu wie auf Deine! Aber weil das so ist, und weil Deine Filme so viel mehr erzählen, als was zu sehen ist, habe ich einmal die Tonspur von Deinem "Andrej Rubljow" auf Cassette aufgenommen, die ich auch in den Zeiten von CD und MP3 immer bei mir habe. Und wenn ich sie abspiele, kommen sämtliche visuellen Eindrücke zurück. Und noch etwas, was Deine Filme von den meisten Hollywoodproduktionen unterscheidet: das Wetter! Bei Dir gibt es Regen, Wind, Schnee, und das alles nicht nur im Bild, sondern unheimlich stark zu spüren auch in der Stimmung der Szenen. Manchmal ist es gar nicht zu erklären, wie das kommt, aber es ist wirklich so.

Lieber Andrej,
weißt du, als Du starbst, und viele deiner Filme ein paar Monate später, passend zu Ostern, zum Fest der Auferstehung, im Fernsehen liefen, da wollte ich sie gerne besitzen. Aber wie? Videorekorder hatte ich keinen. Ich war schon froh, ein Schwarz-Weiß-Gerät und den passenden Empfang dazu zu haben. Aber ich hatte eine Idee! Ich kaufte von dem wenigen Geld, dass ich gespart hatte, zwei BASF-Video-Cassetten, je 25 D-Mark teuer. Damit ging ich schnurstracks in die Stadt, wo das einzige Geschäft zu finden war, das Video-Rekorder verkaufte, jedoch nicht offiziell, nur gegen ganz bestimmte Bescheinigungen, die ich nicht erwerben konnte. Ich fragte nach einem ganz speziellen Verkäufer, bestellte ihm Grüße von unserem gemeinsamen Freund Dieter, mit dem ich die Liebe zur Filmkunst allgemein und zu Tarkovskij im speziellen teilte, und übergab ihm konspirativ eine Plastiktüte. Er nickte und ich verließ den Laden. Ein paar Tage später holte ich die Tüte wieder ab. Auf den Bändern waren drei Filme aufgespielt, unter anderem "Der Spiegel", bei dem ich eine Stunde und vierzig Minuten lang ohne eine einzige Bewegung vor dem Fernseher saß und meine Frau und ich kein einziges Wort miteinander wechselten. Nicht ehrwürdig oder in fanatischer Bewunderung, sondern weil der Film meine ganze Aufmerksamkeit erforderte. Die Eingangsszene, da wo Anatoli Solonizyn und Margarita Terechowa ins Gras fallen, gehört für mich zu den schönsten Liebesszenen im Genre Film, obwohl das Paar überhaupt kein Liebespaar ist. Aber ich glaube, ich vermische diese Szene mit einer späteren im Film, wo Margarita Terechowa mit ihrem Mann Oleg Jankowski zusammen ist. Ach, das geht mir oft so bei Dir: Bilder und Szenen sind traumhaft ineinander verwoben und man kann das eine nicht ohne das andere verstehen, meist aber muss man das gar nicht, es reicht, wenn man es erfühlt.

Lieber Andrej,
in jedem Deiner Filme, in fast jedem jedenfalls, so glaube ich, gibt es zwei wiederkehrende Szenen. Die eine ist ein Stolpern, die andere ist eine Aussage übers Rauchen. Das mit dem Rauchen, das ist mir egal, ich rauche nicht, aber das mit dem Stolpern, das hat mich immer sehr berührt. Auch heute noch. Es zeigt mir deine Demut, zeigt mir deine Ehrfurcht vor einer höheren Macht, zeigt an, dass du ausdrücken willst, dass wir Menschen nie die Ideale erreichen werden, nach denen wir streben, sondern auf unserem Wege immer wieder stolpern, aber nie aufgeben dürfen. Sag mirs, wenn ich falsch liege, aber so empfinde ich es.

Lieber Andrej,
im Film "Stalker" lässt du deinen Helden folgendes sagen:
"Möge sich erfüllen was begonnen wurde. Mögen Sie daran glauben und ihre Leidenschaften verlachen. Denn das was sie Leidenschaften nennen ist in Wahrheit nicht seelische Kraft, sondern die Reibung zwischen der Seele und der äußeren Welt. Und vor allem mögen sie an sich selbst glauben und hilflos werden wie Kinder. Denn Schwäche ist etwas Großes, und Stärke gering. Wenn der Mensch geboren wird ist er schwach und biegsam. Wenn er stirbt ist er fest und hart. Wenn ein Baum wächst ist er zart und biegsam, aber wenn er trocken und starr wird, stirbt er. Härte und Stärke sind Gefährten des Todes. Biegsamkeit und Schwäche bekunden die Schwäche des Seins. Deshalb kann nichts siegen was verhärtet ist."
Wie wahr das ist! Wie wahr...

Lieber Andrej,
als Du starbst, war es das einzige Mal, dass ich beim Tod eines Künstlers geweint habe. Und ich tat es gemeinsam mit meiner Frau, der Mutter meiner Kinder. Ich tat das nicht bei John Lennon oder dem Tod eines anderen bekannten Menschen, dessen Werk mir viel bedeutet, nein, nur bei Deinem Weggang war ich so berührt, dass ich es nur durch Weinen verarbeiten konnte, denn du hattest es am allerwenigsten verdient, so früh gehen zu müssen. Auf dem Zenit deines Könnens. Und uns fehlen Deine 7 anderen Filme...

Lieber Andrej,
Du bist nun 25 Jahre lang tot, ein volles Viertel eines Jahrhunderts, aber glaube mir, so lange zumindest ich lebe, lebst auch Du!