Weißt du noch, Vincenz? - Ja, Hermann? - Der Brunnen, Vincenz. - Welcher Brunnen, Hermann? - Na, der Brunnen, den musst du doch noch erinnern, Vincenz! - Tut mir leid, Hermann, keine Ahnung. - Du hast es vergessen, Vincenz? - Ja, wo war das denn, Hermann? - Das ist es eben, Vincenz. - Was, Hermann? - Na, was ich dich fragen wollte, Vincenz. - Du weißt es nicht mehr, Hermann? - Ich gebs ungern zu, aber es stimmt, Vincenz. - Da kann man mal sehen, Hermann. - Ja, Vincenz, alles verfliegt. - Als wär es nie dagewesen, Hermann. - Nur der Brunnen fließt weiter, Vincenz. - Ja, Hermann, der Brunnen fließt, auch ohne uns. - Wunderlich, Vincenz. - Sehr wunderlich, Hermann! - Fremd und wunderlich, Vincenz...

Landstreicherherberge
(Hermann Hesse ca. 1900)

Wie fremd und wunderlich das ist,
Daß immerfort in jeder Nacht
Der leise Brunnen weiterfließt,
Vom Ahornschatten kühl bewacht.

Und immer wieder wie ein Duft
Der Mondschein auf den Giebeln liegt
Und durch die kühle, dunkle Luft
Die leichte Schar der Wolken fliegt!

*

Das alles steht und hat Bestand
Wir aber ruhen eine Nacht
Und gehen weiter über Land,
Wird uns von niemand nachgedacht.

Und dann, vielleicht nach manchem Jahr,
Fällt uns im Traum der Brunnen ein
Und Tor und Giebel, wie es war
Und jetzt noch und noch lang wird sein.

*

Wie Heimatahnung glänzt es her
Und war doch nur zu kurzer Rast
Ein fremdes Dach dem fremden Gast,
Er weiß nicht Stadt nicht Namen mehr.

Wie fremd und wunderlich das ist,
Daß immerfort in jeder Nacht
Der leise Brunnen weiterfließt,
Vom Ahornschatten kühl bewacht.

Text: Hermann Hesse, Musik: Vincenz Kavalier