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Archiv der Einträge: April, 2012
  • Erich Fried ruft Höre, Israel!

    Noch ein Gedicht.
    Noch einer, der einen Nobelpreis verdient gehabt hätte.
    Noch einer, der nicht nach Israel einreisen darf, nicht mal als Leiche...

    Erich Fried - Höre, Israel!

    Als wir verfolgt wurden,
    war ich einer von euch.
    Wie kann ich das bleiben,
    wenn ihr Verfolger werdet?

    Eure Sehnsucht war,
    wie die anderen Völker zu werden
    die euch mordeten.
    Nun seid ihr geworden wie sie.

    Ihr habt überlebt
    die zu euch grausam waren.
    Lebt ihre Grausamkeit
    in euch jetzt weiter?

    Den Geschlagenen habt ihr befohlen:
    "Zieht eure Schuhe aus".
    Wie den Sündenbock habt ihr sie
    in die Wüste getrieben

    in die große Moschee des Todes
    deren Sandalen Sand sind
    doch sie nahmen die Sünde nicht an
    die ihr ihnen auflegen wolltet.

    Der Eindruck der nackten Füße
    im Wüstensand
    überdauert die Spuren
    eurer Bomben und Panzer.

    (geschrieben 1967)

    Erich Fried selbst liest hier...

    ...und hier der ganze Gedichts-Zyklus...

    Wer mehr von Erich Fried lesen möchte, findet hier Hunderte von Gedichten des Autors!

  • Was gesagt werden muss - das muss gesagt werden

    WAS GESAGT WERDEN MUSS
    Günter Grass

    Warum schweige ich, verschweige zu lange,
    was offensichtlich ist und in Planspielen
    geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
    wir allenfalls Fußnoten sind.

    Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
    der das von einem Maulhelden unterjochte
    und zum organisierten Jubel gelenkte
    iranische Volk auslöschen könnte,
    weil in dessen Machtbereich der Bau
    einer Atombombe vermutet wird.

    Doch warum untersage ich mir,
    jenes andere Land beim Namen zu nennen,
    in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten -
    ein wachsend nukleares Potential verfügbar
    aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
    zugänglich ist?

    Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
    dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
    empfinde ich als belastende Lüge
    und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
    sobald er mißachtet wird;
    das Verdikt "Antisemitismus" ist geläufig.

    Jetzt aber, weil aus meinem Land,
    das von ureigenen Verbrechen,
    die ohne Vergleich sind,
    Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
    wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
    mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
    ein weiteres U-Boot nach Israel
    geliefert werden soll, dessen Spezialität
    darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
    dorthin lenken zu können, wo die Existenz
    einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
    doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
    sage ich, was gesagt werden muß.

    Warum aber schwieg ich bislang?
    Weil ich meinte, meine Herkunft,
    die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
    verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
    dem Land Israel, dem ich verbunden bin
    und bleiben will, zuzumuten.

    Warum sage ich jetzt erst,
    gealtert und mit letzter Tinte:
    Die Atommacht Israel gefährdet
    den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
    Weil gesagt werden muß,
    was schon morgen zu spät sein könnte;
    auch weil wir - als Deutsche belastet genug -
    Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
    das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
    durch keine der üblichen Ausreden
    zu tilgen wäre.

    Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
    weil ich der Heuchelei des Westens
    überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
    es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
    den Verursacher der erkennbaren Gefahr
    zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
    gleichfalls darauf bestehen,
    daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
    des israelischen atomaren Potentials
    und der iranischen Atomanlagen
    durch eine internationale Instanz
    von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

    Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
    mehr noch, allen Menschen, die in dieser
    vom Wahn okkupierten Region
    dicht bei dicht verfeindet leben
    und letztlich auch uns zu helfen.

    (...und hier ein Link zum Verständnis der Problematik der gleichgeschalteten Medien)

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